Bundestagsrede Im Bundestag
11.09.2018

Bundestagsrede zum Verkehrshaushalt: „Es sind nicht die Umfragewerte, die nach vier CSU-Verkehrsministern steigen, sondern es sind die CO2-Emissionen im Verkehr.“

Mit diesem Haushalt setzt Verkehrsminister Scheuer seine klimapolitische Geisterfahrt fort. Die Mittel im Verkehrshaushalt 2019 für den Bereich Straße sollen im Vergleich zu 2018 um 19 Prozent auf über neun Mrd. Euro steigen! Für die umweltfreundliche Schiene gibt es mit 5,5 Mrd. Euro allerdings nur vier Prozent mehr. Die Förderung des Radverkehrs liegt völlig brach, die Mittel liegen im Promillebereich des gesamten Verkehrsetats. Das ist Verkehrspolitik aus dem letzten Jahrhundert! Um die Verkehrswende einzuleiten und die Klimaschutzziele im Verkehrssektor zu erreichen brauchen wir Investitionen in den Schienengüterverkehr, in den Ausbau des Nahverkehrs, in die kommunale Verkehrsinfrastruktur, in den Radverkehr und mehr Verkehrssicherheit. All das passiert nicht. Die zusätzlichen Milliarden gehen allein in den Straßenbau. Und so sind es nicht die Umfragewerte, die nach vier CSU-Verkehrsministern steigen, sondern es sind die CO2-Emissionen im Verkehr. 

 

Hier meine Rede als Video und als Text:

 

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

 

Sehr geehrter Herr Minister, mit diesem Haushalt setzen Sie Ihre klimapolitische Geisterfahrt fort. Es sind nicht die Umfragewerte, die nach vier CSU-Verkehrsministern steigen, sondern es sind die CO2-Emissionen im Verkehr. Sie blockieren nicht nur ambitionierter CO2-Verbrauchswerte für neue Autos, sondern Sie legen einen Straßenbauetat vor, mit dem jegliche Ambitionen im Klimaschutz konterkariert werden.

 

Die Mittel für den Bereich Straße sollen im Vergleich zum Jahr 2018 um 19 Prozent auf 8 Milliarden Euro steigen. Für die umweltfreundliche Schiene gibt es 5,5 Milliarden Euro und damit nur 4 Prozent mehr. Die Förderung des Radverkehrs liegt völlig brach. Meine Damen und Herren, das ist Verkehrspolitik aus dem letzten Jahrhundert.

 

Heute war schon vom Brandbrief von Bahnchef Lutz an seine Führungskräfte die Rede. Das ist ein Brief, der nicht nur die Strukturprobleme des Unternehmens deutlich macht, sondern auch ein Hilferuf an den Eigentümer ist, endlich mehr für die Schiene zu tun. Und das sage ich Ihnen, Herr Minister: Man stärkt die Schiene nicht, indem man mehr Straßen baut.

 

Das Straßennetz ist in den letzten 25 Jahren um 40 Prozent gewachsen, das Schienennetz um 20 Prozent geschrumpft. Das darf nicht so weitergehen.

 

Kluge Verkehrspolitik wäre es, zusätzlich in die Infrastruktur für die Verkehrswende zu investieren - in den Schienengüterverkehr, in den Ausbau des Nahverkehrs, in die kommunale Verkehrsinfrastruktur, in den Radverkehr und mehr Verkehrssicherheit. All das passiert nicht; die zusätzlichen Milliarden gehen allein in den Straßenbau.


Sie, Herr Minister, betonen immer die Wahlfreiheit bei der Mobilität für die Bürgerinnen und Bürger. Wo sind denn Ihre Konzepte für die Sicherung der Mobilität im ländlichen Raum? Weil sich die Bahn aus der Fläche zurückgezogen hat und weil sichere und gut ausgebaute Radwege fehlen, fühlen sich die Menschen abgehängt. Und wo sind Ihre Vorschläge? Sollen die Leute etwa auf die Einführung von Flugtaxis warten? Sie haben keine Konzepte, die Sie uns präsentieren können.
Und wie sieht‘s eigentlich mit der Wahlfreiheit der Bürgerinnen und Bürger aus, die von Dieselfahrverboten in mehreren deutschen Städten betroffen sind? Softwareupdates werden Fahrverbote nicht verhindern. Die Experten im Nationalen Forum Diesel haben deshalb für Hardwarenachrüstungen bei älteren Dieselfahrzeuge plädiert. Wer diese Maßnahme - wie der Minister - weiter blockiert, wird weitere Fahrverbote ernten und trägt dafür die politische Verantwortung.

 

Wer die wahren Problemverursacher - und das sind eben zu 70 Prozent Diesel-Pkws - verschont, der macht sich damit zum Buddy der Automobilindustrie.  Ich kann nur hoffen, dass Kanzlerin Merkel jetzt ein Machtwort spricht und endlich für Hardwarenachrüstungen sorgt, natürlich auf Kosten der Hersteller.

 

Mit dem „Sofortprogramm Saubere Luft“ für die Kommunen sollte ebenfalls eine Senkung der Dieselemissionen erreicht werden. Diese Milliarde ist ein Tropfen auf den heißen Stein, und sie wird jetzt bis auf das Jahr 2022 verteilt. Da fragt man sich schon, wie die Bundesregierung eigentlich das Wort „sofort“ definiert, zumal das Geld in der Bürokratie stecken bleibt. Über die Förderrichtlinie Elektromobilität, die Teil des Sofortprogramms ist, wurde bisher genau ein Fahrzeug beschafft. Es ist schon beschämend, wie diese Bundesregierung das Thema Elektromobilität vergeigt.

 

Deutschland wird immer mehr zum Zaungast bei der Entwicklung der Elektromobilität. Solange Sie den Diesel stärker steuerlich subventionieren, als Sie die Elektromobilität finanziell fördern, verhindern Sie den Umstieg auf saubere Antriebe. Das muss sich endlich ändern!

 

Zum Schluss komme ich auf das Thema Toll Collect und Lkw-Mautsystem zu sprechen. Jetzt hieß es ja, das sei abgeräumt worden, nach 14 Jahren Schiedsverfahren habe man die Probleme gelöst. Ich sage: Nein, die Probleme sind nicht gelöst. Sie schaffen neue Probleme; denn Sie wollen erneut das Mautsystem privatisieren.

 

Verkehrsminister Scheuer behauptet, ein privatisiertes Mautsystem sei wirtschaftlicher als die Erhebung und Kontrolle der Maut durch ein Bundesunternehmen. Das zugrunde liegende Gutachten wird uns aber nicht zur Verfügung gestellt. Wir haben das heute im Ausschuss beantragt, sowohl im Verkehrsausschuss als auch im Haushaltsausschuss. Beide Male hat die Koalition das abgelehnt.

 

Es gibt keine Transparenz und damit auch keinen Nachweis, dass die Privatisierung tatsächlich wirtschaftlicher ist.

 

Die Privatisierung der Maut ist alles andere als eine Erfolgsgeschichte: ein 14 Jahre dauerndes Schiedsverfahren, bei dem der Bund am Ende auf Milliardenforderungen verzichten musste, falsche Abrechnungen in Millionenhöhe und satte 20 Prozent Rendite für Toll Collect und seine Eigentümer.
Meine Damen und Herren, die Lkw-Maut einzutreiben ist keine Rocket Science. Wenn man im Haushalt mehr Mittel für die Verkehrsinfrastruktur zur Verfügung stellen will, dann muss die Maut zukünftig von einem staatlichen Unternehmen eingetrieben werden, damit nicht erneut Privaten die Taschen gefüllt werden.

 

Ich fordere beide Minister, Verkehrsminister Scheuer und Finanzminister Scholz, auf: Stoppen Sie das Vergabeverfahren für eine erneute Privatisierung der Maut.

Herzlichen Dank.