Kommentar In Sachsen
17.06.2020

Erinnerung und Mahnung - Der Volksaufstand am 17. Juni 1953

Görlitz, am Morgen des 17. Juni 1953: Als der 20-jährige Autoschlosser Stefan Weingärtner erfährt, dass in mehreren Betrieben seiner Stadt gestreikt wird, schließt er sich spontan an. Gemeinsam mit seinen Kollegen zieht er ins Stadtzentrum vor die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und fordert die Freilassung der politischen Gefangenen. Stefan Weingärtner gehört zu einer Delegation, die nachprüfen will, ob sich in den Kellern Häftlinge befinden. Kurz darauf stürmen die Demonstranten das Gebäude. Der SED-Kreissekretär und mehrere Mitarbeiter des MfS werden dabei verletzt. Stefan Weingärtner und andere Jugendliche nehmen sie in ihren Schutz und bringen sie zu einem Arzt. Genau das wird Weingärtner später zum Verhängnis, denn die SED-Funktionäre haben sich den groß gewachsenen jungen Mann mit Brille und Baskenmütze eingeprägt. Noch am Nachmittag wird Stefan Weingärtner von einem sowjetischen Offizier festgenommen. Er wird zunächst im Rathaus festgehalten, dann zum MfS und schließlich zur sowjetischen Kommandantur gebracht. Am 19. Juni 1953 verurteilt ein Sowjetisches Militärtribunal Stefan Weingärtner und einen weiteren Jugendlichen zum Tode durch Erschießen. Die Begründung lautet: „Aktive Beteiligung an den gegenrevolutionären Demonstrationen zum Sturz der DDR“. Am 5. Oktober 1953 wandelt das Militärgericht die Todesurteile in 25 Jahre Arbeitslager um. Im Oktober 1956 wird Weingärtners Strafe „durch Gnadenentscheid des Präsidenten der DDR“ auf zehn Jahre herabgesetzt. (Quelle: jugendoposittion.de)
In Görlitz wie in vielen anderen Städten der ehemaligen DDR wird heute an Teilnehmer und Opfer des Volksaufstandes vor 67 Jahren erinnert. Görlitz war ein Zentrum der Erhebung. Die Geschichtsschreibung geht davon aus, dass damals bis zu 30.000 Menschen in Stadt auf die Straße gingen. Sie forderten den Rücktritt der SED-Regierung, freie Wahlen und die Auflösung der kasernierten Volkspolizei sowie die Aufhebung der Oder-Neiße-Grenze. In Görlitz setzen die Demonstranten den Oberbürgermeister ab und übernahmen für einige Stunden die Macht in der Stadt. Doch bereits am Nachmittag des 17. Juni wurde über den Stadtfunk der Belagerungszustand ausgerufen und ein Streik- und Demonstrationsverbot verkündet. Sowjetische T34-Panzer fuhren durch die Stadt, der Aufstand war niedergeschlagen.

 

Heute daran zu erinnern, bedeutet für mich zuallererst, den Mut der Demonstranten wie Stefan Weingärtner, zu würdigen. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und Demokratie waren stärker als die Angst. Der Herbst ’89 wird zu Recht als vollendete Freiheitsrevolution bezeichnet. Ihren Anfang nahm sie bereits am 17. Juni 1953 in Städten wie Görlitz. Das 36 Jahre bis zur Friedlichen Revolution 89 vergehen mußten, lässt mich nur erahnen, welches Trauma die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes bei den Menschen hinterlassen hat.

 

Für mich ist der 17. Juni eine Erinnerung und Mahnung, dass Freiheit und Demokratie keine Selbstverständlichkeiten sind. Heute muss ich keine Angst mehr vor Panzern und staatlicher Gewalt haben. Sich gegen Ausgrenzung, Populismus und autoritäre Politikansätze zu wehren und damit die Freiheit und Demokratie zu verteidigen, verlangt aber auch heute, Ängste zu überwinden und Zivilcourage zu zeigen.

 

Bildrechte: Ratsarchiv Görlitz