Gastbeitrag In Sachsen
31.03.2017

Gastbeitrag auf Focus Online | Wandel der Autoindustrie: "Nirgends besser zu sehen als in Dresden"

Die Elektromobilität ist auch eine Chance für die sächsische Automobil- und Zuliefererindustrie. Wieso und was die Politik tun muss, um die Unternehmen zu unterstützen, das habe ich in einem Gastbeitrag für Focus Online erläutert:

 

Eine Krise ist auch immer eine Chance: Der Abgasskandal könnte der Beschleuniger für eine abgasfreie Mobilität werden, für den Ausstieg aus dem fossilen Verbrennungsmotor. In der Automobilindustrie findet derzeit eine tiefgreifende Transformation statt.

 

In den nächsten zehn Jahren wird sich durch die Elektromobilität, durch Automatisierung und Digitalisierung vielleicht mehr verändern als in den letzten 50 Jahren. Sicher, es werden weiter Autos gebaut werden, aber die heutigen Automobilhersteller werden längst Mobilitätsdienstleister sein. Nirgendwo kann man diese rasante Veränderung besser sehen als in der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden.

 

Noch vor einem Jahr wurde hier der Phaeton zusammengeschraubt – ein schweres Oberklassenfahrzeug mit einem Verbrauch von über 15 Litern Kraftstoff auf 100 Kilometern. Doch nicht einmal mehr in China ließ sich der Phaeton verkaufen. Denn in den chinesischen Megacitys ist die Luft so schlecht, dass nach meiner Einschätzung spätestens Anfang der 2020er-Jahre im größten Automarkt der Welt nur noch Elektroautos zugelassen werden.

Sächsische Jobs durch Elektromobilität sichern

Im letzten Jahr wurden in China bereits 500.000 E-Autos verkauft. VW setzt heute 45 Prozent der Automobile seiner Kernmarke im Reich der Mitte ab. Nachdem die Bänder in der Manufaktur am Großen Garten über Monate stillstanden, rollt ab Montag mit dem E-Golf nun ein reines Elektrofahrzeug vom Band – ein richtiger Schritt.

 

Denn ich bin überzeugt: Nur mit innovativen Antrieben werden unsere Automobilhersteller wettbewerbsfähig bleiben und zugleich wertvolle Industriearbeitsplätze sichern. Damit die sächsischen Jobs in der Automobil- und Zulieferindustrie erhalten bleiben, muss die Elektromobilität jetzt aus der Nische geholt werden! Insbesondere die oftmals mittelständigen Zulieferbetriebe müssen bei der Bewältigung des tiefgreifenden Strukturwandels unterstützt werden.

Elektroautos werden noch versteckt

Auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen: Die Politik ist beim Aufbau eines dichten Ladesäulennetzes gefordert, damit die Elektromobilität in Fahrt kommt. Mit einer Beschaffungsoffensive für die eigenen Fuhrparke und Flotten sollte die öffentliche Hand Vorreiter bei der Elektromobilität werden. Die Automobilhersteller ihrerseits müssen ihre Preispolitik gründlich überdenken und ihren Vertrieb und ihr Marketing deutlich stärker als bisher auf Elektroautos ausrichten. Bisher werden Elektroautos in den Autohäusern noch oft verschämt in der Ecke hinter Pflanzkübeln versteckt.

 

Klar ist aber auch: Wenn sich die Elektromobilität durchsetzen und einen Beitrag zum Klimaschutz leisten soll, reicht es nicht, beim Auto den Verbrennungsmotor durch einen Elektromotor zu ersetzen. Die Elektromobilität bietet Chancen für eine zukunftsfähige Mobilität – aber nur, wenn wir auch den Einsatz von Elektrobussen, Nutzfahrzeugen mit elektrischen Antrieben sowie Elektrofahrrädern stärker unterstützen und der Strom aus erneuerbaren Energien kommt.

 

Bilquelle: privat; neben Stephan Kühn: Dr. Carsten Krebs, Leiter Kommunikation und Marco Weiß, Leiter Vertrieb der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen