Gastbeitrag In Sachsen
23.10.2019

Sächsische Zeitung: "Warum Sachsen eine Landesagentur für neue Mobilität braucht?"

Sachsen hat die Chance, sich zur Spitzenregion für Elektromobilität in Europa zu entwickeln, so wie der Freistaat bereits ein führender europäischer Standort für Mikroelektronik ist. Dies habe ich heute in einem Beitrag in der Sächsischen Zeitung aber auch in einem 10-Punkte-Papier zusammen mit Katja Meier MdL und Gerd Lippold MdL ausführlich erläutert. Der Wegfall des verbrennungsmotorischen Antriebsstrangs ist für viele kleine und mittlere Unternehmen ohne Zweifel eine große Herausforderung und fordert deshalb politisches Handeln. Die Elektromobilität bietet aber Chancen für positive Beschäftigungseffekte und zukunftsfähige Wertschöpfung, wenn die sächsische Staatsregierung die Trendwende hin zur Elektromobilität nicht verschläft. Andere Bundesländer mit automobilen Standorten haben längst Strategien und unterstützende Maßnahmen für das Gelingen diese Transformation auf den Weg gebracht.

 

Der Geistbeitrag ist erschienen am 23.10.2019 in der Sächsischen Zeitung

Warum Sachsen eine Landesagentur für neue Mobilität braucht?

Der traditionsreiche Automobilstandort Sachsen steht vor dem wahrscheinlich tiefgreifendsten Strukturwandel in der Geschichte. Digitalisierung und Automatisierung verändern nicht nur die Produkte, sondern auch die Arbeit in den Betrieben. Neue Werkstoffe und Antriebe stellen die Unternehmen genauso vor Herausforderungen wie die wachsende Konkurrenz aus Fernost. Vor diesen Veränderungen können sich unsere heimischen Unternehmen nicht verstecken. Vor allem ist es naiv zu glauben, man könne Arbeitsplätze langfristig sichern, indem man den fossilen Verbrennungsmotor hierzulande unter Artenschutz stellt, während sich der Rest der Welt einen Wettkampf um saubere Antriebe liefert. An der Elektromobilität führt auch in Sachsen kein Weg vorbei – weder beim Klimaschutz, noch beim Erhalt automobiler Jobs.

 

Der Wegfall des Verbrennungsmotors ist für viele kleine und mittlere Unternehmen eine große Herausforderung und verlangt nach politischem Handeln. Die Elektromobilität bietet Chancen für neue Jobs und zukunftsfähige Wertschöpfung, wie eine aktuelle Studie im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr zeigt. Die sächsische Politik steht vor der Aufgabe, die Transformation dieser wichtigen heimischen Branche zu unterstützen. Dann hat Sachsen die Chance, sich zur Spitzenregion für Elektromobilität in Europa zu entwickeln, so wie der Freistaat bereits ein führender europäischer Standort für Mikroelektronik ist. Das wird aber nur gelingen, wenn vorangegangen wird, statt sich zum Hinterherlaufen treiben zu lassen. Andere Bundesländer mit automobilen Standorten haben längst Strategien für das Gelingen diese Transformation auf den Weg gebracht. Sachsen bisher nicht.

 

Notwendig ist ein Schulterschluss von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften im Transformationsprozess. Dafür sollte die sächsische Staatsregierung einen strategischen Branchendialog starten und eine Fachkräftestrategie auf den Weg bringen, um die Unternehmen besonders bei Personalweiterbildung und -qualifizierung zu unterstützen.

 

Die Ausgangssituation, um den Strukturwandel erfolgreich zu bewältigen, ist gut. Alle in Sachsen vertretenen Autohersteller planen eine Produktoffensive für Elektroautos: Bei Volkswagen in Zwickau läuft Mitte 2020 das letzte Auto mit Verbrennungsmotor vom Band. Jedes zweite in Sachsen produzierte Auto wird ab 2025 einen Elektromotor haben, wenn die Pläne der Autohersteller aufgehen.

 

Es reicht aber nicht, Elektroautos zu bauen, sie müssen hier auch fahren. Dafür fehlen wichtige Voraussetzungen, zum Beispiel eine flächendeckende Ladeinfrastruktur. Im bundesweiten Vergleich liegt Sachsen sowohl bei den Investitionen in die Ladeinfrastruktur als auch bei der Verfügbarkeit von Ladepunkten deutlich zurück. Zahlreiche Bundesländer unterstützen den Markthochlauf der Elektromobilität mit eigenen Programmen und verlassen sich nicht allein auf die Bundesförderung. In Sachsen muss man jedoch lange suchen, um die bescheidenen Mittel im Landeshaushalt zu finden.

 

Neben mehr Investitionen in Ladesäulen brauchen wir auch mehr Elektroautos in den öffentlichen Flotten und einen stärkeren Ausbau erneuerbarer Energien. Zwar arbeiten zahlreiche Institutionen an der Elektromobilität, unter anderem das Netzwerk der Automobilzulieferer Sachsen, das Energietechnologie-Netzwerk Energy Saxony, die Sächsische Energieagentur und die Sächsische Aufbaubank. Doch es fehlt eine Landesagentur für neue Mobilität, die die Kräfte bündelt. Sie könnte zudem bei Kommunen und regionalen Energieversorgern mehr Überzeugungsarbeit und Unterstützung für die Elektromobilität leisten. Die Landesagentur soll insbesondere jene Kommunen, die bei der kommunalen Energiewende vorangehen, bei der Umstellung kommunaler Fuhrparke und dem Aufbau der Ladeinfrastruktur unterstützen sowie dabei helfen, neue klimafreundliche Mobilitätsdienstleistungen, z.B. beim E-Carsharing, zu etablieren. Die Staatsregierung muss bei der klimafreundlichen Mobilität auch selber zum Vorreiter werden. Beim Erwerb von neuen Fahrzeugen in Ministerien und Behörden dürfen Elektrofahrzeuge nicht länger Exoten bleiben.

 

Die Zukunftssicherung der Automobil- und Zulieferindustrie in Sachsen ist kein Selbstläufer. Politik kann Innovationsgeist und unternehmerischen Mut nicht ersetzen, doch sie kann Rahmenbedingungen schaffen, um Wertschöpfung und Beschäftigung zu sichern. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften müssen dafür jetzt an einem Strang ziehen.

 

Bildquelle: privat